Verdichtete Welt. Peter Sloterdijks «Im Weltinnenraum des Kapitals»
Frank Hartmann
Erstpublikation in: -> Volltext. Zeitung für Literatur Nr.2/2005
Zitat-URL = http://www.medienphilosophie.net/texte/weltinnenraum.html
Sloterdijk erkundet die Gefilde einer verdichteten Welt, die von Dichtern erahnt, aber nicht immer ausgelotet wurden. Es ist die Geschichte der Globonauten, ein abendländisches Heldenlied mit vorläufigem Ende. Ein inspirierender Essay zum Weltgeschehen, der es wagt, die Frage nach dem Gesamtzusammenhang neu zu stellen.
Erstaunlich, wie selten lesbare philosophische Bücher geschrieben werden. Philosophie rührt ans Grundsätzliche, ans menschlich Wesentliche. Ihre Thesen drehten sich schon immer um Gott und die Welt, um endliche wie unendliche Fragen. Manchmal aber auch nur um sich selbst - Philosophie in der modernen Welt hat sich mit ihren Spezialisierungen buchstäblich verzettelt, doch die Zeit der Zettelkästen ist längst vorbei.
Zudem gibt es ein Problem mit den Größen. Wer sich mit ihnen, etwa mit Kant, Hegel, Nietzsche und Heidegger nicht beschäftigt hat, muss im philosophischen Diskurs schweigen. Diese Größen werfen so lange Schatten, dass jegliche Begeisterung für ihre Texte merklich rasch abkühlt. Philosophie-Institute sind solche Zonen, in denen alles Lebendige abstirbt und außer dem Ressentiment nichts mehr gedeiht.
Peter Sloterdijk hat sehr früh gelernt, eine dazu exzentrische Position einzunehmen. Sein Mittel dazu war der literarische Überbietungsgestus. Die philosophischen Entwürfe - zuerst die "Kritik der zynischen Vernunft", dann die "Sphären-Trilogie" - haben vorgeführt, wie Vergegenwärtigung der Theorietradition, Zeitdiagnose und stilistischer Anspruch sich so vereinen lassen, dass das Resultat auch für Nicht-Philosophen gewinnbringend lesbar ist. Ihr Autor versucht sich am großen Entwurf, der das Erzählerische mit dem Philosophischen, den literarischen Anspruch mit dem theoretischem Denken produktiv verbindet.
Nun könnte man meinen, nach einigen aufgeregten Debatten um seine Essays und vor allem nach "Schäume", dem letzen Band der voluminösen Trilogie, wäre es vorerst einmal genug. Gleich noch ein Band? Das ist wohl verlegerische Strategie, ganz dem Marketing geschuldet. Doch weit gefehlt. Wer Sloterdijk liest, was ja selten unvoreingenommen passiert, wird trotz des Umfangs von der Kurzweiligkeit der langen Texte angenehm überrascht. Und lässt sich nicht zuletzt von seinem Anliegen überzeugen, dass es in einigen Punkten immer noch etwas nachzulegen gibt.
"Raum" steht thematisch im Zentrum der Sphärologie, und das bedeutet die Frage nach dem historisch veränderlichen Modus dessen, wie wir in der Welt sind und welche Form dieses Dasein annimmt. Weniger Theorie denn hyperbolisches Konstrukt, zeigt Sloterdijk damit im erkennbaren Anschluss etwa an Michel Foucault ("Ordnung der Dinge") und Michel Serres ("Atlas"), was aus seiner Sicht anthropologische Formkraft hat. Dass wir heute dabei sind, global zu denken, hat mit einer raumgreifenden und raumbildenden Dynamik zu tun, die neue Bedingungen des Menschseins schafft.
Welche psychologischen, soziologischen oder architektonischen Fragen dies betrifft, hat Sloterdijk zuletzt ausführlich gezeigt. Auf die Philosophen, die "Mitglieder der Fakultät für Weltweisheit", wird jetzt wieder mit aller Kraft gespottet. Enthalten die sich doch im Globalisierungsdiskurs der Stimme, möglicherweise deshalb, weil sie nicht viel mehr dazu zu sagen hätten als ein durchschnittlich gebildeter Zeitungsleser es auch kann. Welch Ironie der Lage, die zugleich nun doch noch als Ausgangspunkt zu nehmen ist für den erneuten Anlauf, eine Philosophie der Globalisierung zu schreiben.
War die Frage des menschlichen "Zur Welt Kommens" Sloterdijks Anliegen in den bisherigen Texten, so löst er sie mittlerweile weniger im poetischen "Zur Sprache kommen" auf, sondern im Versuch einer kulturhistorischen Morphologie. Mit anderen Worten: in einer Beschreibung des Gestaltwandels der Weltwahrnehmung.
Unser Weltsystem entsteht durch Entdecker und Eroberer, von Magellan und Kolumbus bis Charles Lindbergh und Neil Armstrong, der schließlich den Fuß auf den Mond setzte. Morphologie ist die Lehre von den Formen, und das globale Weltsystem erhält die seine nicht aus den endlosen Verschriftungsprojekten der Gelehrten, sondern aus der konkreten Welterfahrung, die sich in zunächst geheimen Karten und Globen als Hauptmedien der frühen Globalisierung niederschlägt.
Im Erobern, Entdecken und Kartographieren verdichtet sich die neuzeitliche Welt zum Weltbild der Moderne. Es ist das Wissen um die Erdoberfläche und den Globus als ganzen, das hier rekonstruiert wird, und damit auch das Wissen um konkrete Macht. "Wer die Karte zeichnet, tritt auf, als habe er kulturell, geschichtlich, juristisch und politisch recht." Dabei treiben nicht Erkenntnisinteressen, sondern unermessliche Gewinnspannen und sichere Handelsgeschäfte die Eroberer hinaus ins ozeanische Abenteuer. Die Globalisierung als Investition - sie war ein Geschäft und ist es geblieben: "Die Hauptsache der Neuzeit ist nicht, daß die Erde um die Sonne, sondern daß das Geld um die Erde läuft." Stimuliert wird sie durch die Verfolgung eines kaufmännischem "Fernappetits", der im gegenwärtigen Zustand eines unhintergehbaren "Telerealismus" endet.
Neu ist diese kapitalismuskritische Diagnose sicher nicht. Und Sloterdijk bleibt im Habitus linker Kritik, unternimmt allerdings eine Verschiebung, nach der es sinnlos erscheint, subjektives oder kollektives Handeln auf eine Veränderung der Lage abzustellen. Hier fällt auch das Wort "Täterenthemmung", das wie ein Vektor aus den weltweit ausgedehnten Kräften der Entdeckung, der Missionierung und des Handelns resultiert. Und es kommt zu einer interessanten Wendung. Während im ersten Teil dieses Buches die Freisetzung von religiösen, unternehmerischen und kriminellen Energien der Innovation abgehandelt wird, erforscht der zweite Teil die Verfestigung moderner, globaler Existenz eben zum - nach einem Ausdruck von Rilke - Weltinnenraum des Kapitals. Die neuzeitliche Raumrevolution, so die These, entspricht nämlich keiner globalen Öffnung, sondern im Gegenteil der Absicherung eigener Existenz im Sinne einer Potenzierung der Kapitalbewegung.
Einleuchtend klingt das ja, denn investiert wird nur aufgrund der Hoffnung auf einen Return of investment. Die Entwicklung des modernen Versicherungswesens gehört ebenso dazu, und das, was Sloterdijk die Immuntechnologie der Moderne nennt: Absicherung, Versicherung und Rückversicherung als ein System, das alle Störungen der einmal geschaffenen Binnensphäre des Wohlstands abwehrt. Und das Symbol dafür ist eben jenes Treibhaus des Kapitals, der zum Anlass der ersten Weltausstellung 1851 in London errichtete "Kristallpalast". Dieses prototypische und oft kopierte Gehäuse westlichen Wohlstands dient Sloterdijk als Emblem für die Ambitionen der Moderne, vor allem auch deshalb, weil es schon bald das Ressentiment gegen die Utopie des kollektiven Glücks im Wohlstand schürte. So hat einst, hochgelobt von Nietzsche, Dostojewskij die Perspektive auf den Londoner Kristallpalast aus einem Petersburger Kellerloch angelegt, um mit der Ideologie seines Jahrhunderts zu brechen.
Es ist interessant, wie Sloterdijk diese antiwestliche, antikapitalistische Poesie des Ressentiments gegen die entsprechende Analyse Walter Benjamins ausspielt, der mit dem unvollendeten Passagenwerk über das neunzehnte Jahrhundert sein Thema verfehlt habe. Während Benjamin in dem, was wir heute als Shopping Malls oder Shopping Cities kennen, ein erweitertes Interieur des Bürgertums erkennen wollte, geht es Sloterdijk um die Immanenz eines Raumes, der das Begehren generell freisetzt und die Kaufkraft zum pseudo-transzendentalen Prinzip erhebt.
Gewinn- und Verlustrechnungen bestimmen dabei die Wirklichkeit. Die Globalisierung bringt Gewinner hervor, die den Weltinnenraum des Kapitals bewohnen. Aber nur auf etwa ein Viertel der Weltbevölkerung trifft das zu, während drei Viertel draußen bleiben. Haltungen, die sich dagegen wenden, sind Verliererbewegungen, wie das eben das Ressentiment, aber auch Revolution oder Terrorismus. Für sie ist, anders als für die neoliberalistischen Gewinner, die Geschichte noch nicht zu Ende. Welche Eroberungs- und Angriffsakte sind in der Welt des Telerealismus für sie noch möglich?
Wer etwas hat, hat immer auch etwas zu verlieren, und ist daher alarmbereit. Sloterdijk radikalisiert für seine Diagnose des Terrorismus Luhmanns Theorie der Mediengesellschaft: eine Verdoppelung der Realität, die dadurch entsteht, dass wir das, was wir über die Welt wissen, durch die Massenmedien wissen. Hier verdichten sich Bedrohungen, Verlustängste und Katastrophenberichte zur "hysterisierten Infosphäre". Es fällt von außen nicht schwer, diesen wunden Punkt auszumachen. Wie in jüngster Zeit beobachtbar wurde, entwickelt sich ja geradezu eine Art Ankündigungsjournalismus, der sogar schon mögliche Katastrophen, vermutete Bomben und potenzielle Attentate als Sensationsmeldungen handelt. Da die Medien über den Terror nicht schweigen, hat dieser auch entsprechenden Erfolg. Damit, dass Terroristen den posthistorischen Kontinent westlicher "Aufmerksamkeit" erobern, "ahmen sie direkt das ursprüngliche Momentum der europäischen Expansionen seit 1492 nach". In dieser quasi-kybernetischen Lesart bedeutet Terrorismus für das westliche Wohlstandsbürgertum die Rückkehr der Taten zum Täter.
Lässt sich daraus lernen? Dieser Essay verneint es. Wir leben in einer Welt voller Episoden, mit berechenbaren Zwischenfällen, von denen die Versicherungsbranche und die Überwachungstechnologie profitieren. Noch die größte Katastrophe lässt sich als im Grunde leere mediale Geste begreifen. Wer sie medial zur Kenntnis nimmt, ist nicht betroffen, genau daher kommt das ganze Betroffenheitsgetue gerade in den Medien, die angeblich nur ihrer Berichterstattungspflicht nachkommen. Nach dem 11. September ist, wie Sloterdijk süffisant bemerkt, die größte Sorge heutiger Weltbürger die, an Flughäfen ihre Nagelscheren im Handgepäck für die Absenkung des Luftfahrtrisikos opfern zu müssen.
Man kann wirklich nicht sagen, dass dieser Autor seinen Leser nicht ebenso interessante wie kontroversielle Gedanken zumuten würde, die zudem noch stilistisch brillieren. Vielleicht macht ihn genau das so umstritten? Der Neid saturierter, im Business-Jargon schwelgender Wissensfunktionäre auf ebenso kreative wie punktgenaue Analysen und die Originalität einer manchmal verspielten, dennoch in keinem logischen Abseits spielenden Begrifflichkeit?
Womöglich ließe sich einwenden, die Globalisierungskritik sei nicht neu und es gäbe längst Anderes und vielleicht Besseres als diese launischen Tiraden aus der philosophisch-ästhetischen Ecke. Aber Sloterdijk wagt eben eine präzisere Vermessung dieses kapitalistischen Innenraums westlicher Daseinsstimmung, als beispielsweise Negri und Hardt im Empire, einem Versuch der Adressierung einer generalisierten und dabei völlig unbestimmt gebliebenen Opposition. Ja, Globalisierung meint Entdecken, Erobern, Hereinholen, Verwestlichung und Beseitigung von Ferne als Entfaltung eines umfassenden "Telerealismus". Aber die Globalisierungskritik findet auch nur als Selbstgespräch auf Wohlstandsinseln statt, in dem es kein revolutionäres Subjekt mehr gibt, das angesprochen werden könnte. Die Mehrheit der Unterprivilegierten, die vor den Grenzposten des Wohlstandsterritoriums verweilen muss, reagiert nicht auf den kritischen Verzichtimperativ, und praktiziert so eine wenigstens symbolische Aneignung: gilt doch gerade für die weniger Privilegierten vorzugsweise das Motto More Logo! anstelle von No Logo!
Sloterdijk liefert eine plausible Exposition der Globalisierung als Entfaltung eines Weltmarktes, auf dem Subjektivität letztlich mit Kaufkraft identifiziert und animistischer Kapitalismus als eine Art Gesamtkunstwerk realisiert wird. Sprachlich ausgefeilt und wunderbar eigensinnig, entwirft der Essay zuletzt jenen imaginären Fluchtpunkt, an dem Adam Smith und Rainer Maria Rilke zusammentreffen: der erste Theoretiker des Weltmarktes mit dem ersten Poeten des Weltinnenraums. Eine elegante Lösung der Frage, wie sich nach verspäteten Marxisten und gutmeinenden Globalisierungsgegnern noch das Wort zur Sache ergreifen lässt.
Ja, aber Geld regiert die Welt wäre schon ein dünnes und zudem redundantes Ergebnis dieser Abhandlung, würde diese nicht den Zusammenhang ergründen zwischen einer Psychopolitik der Moderne und ihrer raumgestaltenden Kraft. Die operative Verabsolutierung des monetären Prinzips einerseits, die Außerkraftsetzung von Zugehörigkeiten im Flexibilitäts-Dogma andererseits bestimmen die Lage der letzten Menschen. Territoriale Entgrenzung und maximale Verfügbarkeit als finale Option tritt in einen Kampf mit nichthintergehbaren Lokalitäten, zu denen auch Nationalismen gehören: das ist der soziale Sprengstoff der unmittelbaren Zukunft.
Realisieren die Bewohner des Kristallpalastes ihre menschliche Freiheit, die nach Adam Smith nur eine unternehmerische sein kann, oder vollzieht sich hier jene Kristallisation, mit der alles zu Routinen und leeren Gesten verkommt, wofür wahrnehmungslose Touristen und eine wahrnehmungsleere Event-Kultur prototypisch sind? Oder das Märchenmotiv vom unverdienten Vermögen, das der Parasiten im Wertschöpfungsprozess, wie Industrieerben, Börsenspekulanten, Lottogewinner, Medienprominente und Abfindungsmanager? Oder die generalisierte Forderung nach Absicherung, Belastungsfreiheit und Leistungsumgehung?
Dass gewöhnliche Kulturkritik nicht genügt, um auf diese postmodernen Phänomene zu reagieren, macht Sloterdijks Essay ziemlich deutlich. Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch - wie es einst hieß. Sloterdijk sieht dieses Rettende als eine Art neuer "Erdung", eine "irdische Linke", die Asymmetrien verfolgt, statt historische Emanzipationsbewegungen fortzuschreiben und Alternativen schafft, statt Konfrontationen wie die zwischen Global und Lokal versucht aufzulösen. Er schafft damit eine über viele Mikro-Analysen errichtete, dezidiert anti-resignative Basis für einen Diskurs, der die politische Ästhetik neu gestalten könnte - und das zumindest will etwas heißen. Wem das immer noch nicht genug ist, der ist entweder ein hoffnungsloser Romantiker oder ein sozialdemokratischer Zyniker. Es scheint, wie wenn im Projekt der Menschwerdung beide ein Auslaufmodell wären.
Literatur:
Peter Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
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