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Media Brain. Gehirn und Medienwandel

Frank Hartmann

Diskussionsbeitrag zum 15. Ernst Mach Forum, Österreichische Akademie der Wissenschaften, 28. April 2010
Zitat-URL = http://www.medienphilosophie.net/texte/mediabrain.html




Verändern neue Medien und Technologien unser Gehirn?

Ich möchte auf die hier gestellte Frage mit drei Akzentuierungen antworten:

1) "Das Gehirn" gibt es nicht, es gibt aber unterschiedliche und historisch kontingente kognitive Fähigkeiten. Durch Medien formatiert wird das Gehirn aber sicher, d.h. Menschen einer oralen Kultur unterscheiden sich von denen einer skriptoralen: unser Gehirn ist durch das Alphabet struktuiert, und dieses wird durch neue kulturelle Codierungen der Visualität ergänzt und tendenziell ersetzt.

Neurophysiologisch gesichert scheint die Tatsache, dass das menschliches Gehirn seit ca 40.000 Jahren sich nicht mehr wesentlich verändert hat und sich auch nicht mehr ändern wird, d.h. die Menschen werden nicht irgendwann futuristisch aussehen, wie Aliens mit großem Kopf und mikrigem Körper. Ein Gehirn ist nie singulär, es befindet sich ja immer in kulturellen Umgebungen und Kommunikations- verhältnissen. Ausserdem wirken Medien nicht nur kognitiv sondern immer auch über die körperliche Zuwendungsformen: die Kulturtechnik Lesen/Schreiben bedingt andere Zugangsweisen und Körpertechniken (am Schreibtisch sitzen etc.) als jene der Interface-Kultur - alle Medien sind Anthropotechnik.

2) Aktuell wird vor allem die Visuelle Kultur aufgewertet. Signifikant für den gegenwärtigen Medienwandel ist die Aufwertung von technisch gestützten Visualisierungen gegenüber der kognitiven Abstraktion von Textwelten. Stehende und bewegte Bilder, ihre Reproduzierbarkeit und die Zugänge zur Technik durch Bildschirm-Interfaces, Visualisierungen generell sind die Kennzeichen einer postmodernen Kultur, welche mit einer "Lesbarkeit der Welt" auch die bürgerlichen Bildungsideale längst hinter sich gelassen hat. Die neue, posttypographische Kulturtechnik ist noch jung und wird ihre Form bzw. Medienästhetik erst noch finden müssen.

3) "Neue Medien" an sich gibt es auch nicht - nur unterschiedliche Anwendungsformen. Das Internet ist eine über 150 Jahre (bis in die Anfänge der elektrischen Telegraphie) zurückreichende, in mehreren Schritten entstandene technische Struktur. Die zunehmend kollektive Organisation von Kultur hat einen Bedarf nach einer solchen Struktur erzeugt. Man darf nicht Geist mit Technik konfrontieren, weil das all die Beziehungen außer acht lässt, die all das organisieren und strukturieren.
Michel Serres sagte in einem Wiener Vortrag: "Die alten kognitiven Fähigkeiten, die wir für persönlich und subjektiv halten, werden durch die neuen Technologien kollektiv und objektiv." - World Brain, kollektive Intelligenz etc sind Metaphern für eine Entwicklung, für eine neue Daseinsform jenseits bürgerlicher Bildungsidentität. (M. McLuhan: Tribalisierung, P. Levy: kollektive Intelligenz)

Zwei Effekte des Medienwandels:

o  der epistemische Effekt - andere Gehirntätigkeit, Logik der Visualisierung; gegenüber kognitiver Abstraktion werden Bildlichkeit und figurale Intelligenz in der Kultur aufgewertet, damit steigt die Kompetenz zur Informationsverarbeitung.
o  der ontologische Effekt - ausgelagerte Gehirntätigkeit, Logik der Delegation; Maschinen und Instrumente haben Köper- bzw. Sinnestätigkeit optimiert, Computer entlasten geistige Tätigkeit und Urteile: "die Ersetzung des menschlichen Verstandes als Lieferant einfacher Entscheidungen durch künstliche Apparate" (Norbert Wiener). Seit dem Auftritt der Kategorie "Information" organisiert sich unser Dasein mit mehr ausschließlich in Subjekt-Objekt Verhältnissen. Ort der Information ist aber nicht das Gehirn, sonder der ausgelagerte technische Speicher.