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Michael Giesecke - Kommunikative Welten

Frank Hartmann

Erstpublikation in: Publizistik. Vierteljahreshefte für
Kommunikationsforschung, Jg.52/3, Sept.2007 (S.420-421)
Zitat-URL = http://www.medienphilosophie.net/texte/giesecke.html


"Wie ist eine komparative Kommunikationswissenschaft möglich, die Medien und Kommunikations- formen unterschiedlicher Kulturen in synchroner und diachroner Perspektive vergleicht, ohne dabei die Heterogenität kultureller Kommunikation aus den Augen zu verlieren?" [Klappentext]


Obwohl Multimedia - in Deutschland schon vor gut zehn Jahren zum Wort des Jahres erkoren - allgegenwärtig scheint und die audiovisuelle Ästhetik ständig zunimmt, ist die Gegenwartskultur immer noch geprägt von den Idealen der Gutenbergt-Technologie. Die damit verbundenen Mystifikationen scheinen sich nur schwer auflösen zu lassen, was Michael Giesecke zur These von den "Mythen der Buchkultur" brachte, denen er die "Visionen der Informationsgesellschaft" entgegensetzte. Zu diesen Visionen gehört eine neue Dialogkultur, ein Versprechen auf der Grundlage posttypographischer Bildungs- und Wissensformen.

Nach historischen Studien zu Erkenntnis- und Darstellungsformen der Buchkultur liegt nun ein weiteres Werk vor, in dem der Autor topografische Unterschiede auslotet. Die kommunikative Welt Asiens, Indiens oder Afrikas ist nicht dieselbe wie die Europas, nicht überall hat das Klima der Industrialisierung ähnliche Spuren hinterlassen wie hier. Giesecke unternahm Erkundungsfahrten zu den einzelnen Kontinenten der kommunikativen Welt und legt nun seine Reisejournale vor, in denen er seine Erfahrungen, Erforschungen und methodischen Reflexionen zu einem üppigen Textkonvolut verwoben hat, dessen Lektüre eine gewisse Herausforderung darstellt.

Wer sich ihr stellt, wird mit erhellenden Einsichten zur unterschiedlichen Rolle von Kommunikation als Medium sozialer Informationsverarbeitung belohnt. Offensichtlich gibt es kulturgeschichtlich stark divergierende Strategien der Prämierung und Hierarchisierung von Medien. In frühen Hochkulturen wurden religiös relevante Informationen etwa getanzt, was zu einer anderen Tradition führte als in Kulturen, die Schrift und Buch als Medium der Tradierung privilegiert haben. Daraus folgen entsprechende Auf- und Abwertungen von Medien; jede Hochkultur scheint eine klare Hierarchie zwischen den verschiedenen Informations- und Kommunikationsmedien aufgebaut zu haben. Giesecke schließt hier implizit an frühe Ansätze zur Theoretisierung von Medien und Technik als Generatoren sozialen Wandels an (etwa von Harold Innis) und übersetzt sie in die Suche nach einer Historiographie kultureller Kommunikation und ihrer Medien, die sich als "komparative Kommunikationswissenschaft" anlegen läßt. Ihre Prämisse ist die, dass es keinen über allen Kulturen und Zeiten stehenden einheitlichen Kommunikationsbegriff gibt.

Triadisches Modell

Die vorliegenden Studien konzentrieren sich entsprechend auf die unterschiedlichen Mediengeschichten von Kulturen. Sie haben nichts zu tun mit jener Ratgeberliteratur, die etwa dem korrekten Verhalten bei interkulturellen Businessmeetings gewidmet sind. Sie liefern aber möglicherweise eine solide Grundlage für oft eben kulturalistisch verschwommene Theorien der interkulturellen Kommunikation, indem zahlreiche Beobachtungen auf einzelne Faktoren hin überprüft und derart Stärken und Schwächen verschiedener kommunikativer Formen verdeutlicht werden. Giesecke schlägt nun vor, diese Faktoren zu einem triadischen Basismodell zu systematisieren. Werden die Gewichtungen zwischen jeweils drei Faktoren erkundet, so würden sich "Basistriaden" als Grundlage für die komparative Forschung operationalisieren lassen. Ein solcher Ansatz lasse genau jenes Maß an Komplexität zu, das analytisch zu bewältigen ist.

Dieses triadische Denken ist der innovative erkenntnistheoretische Beitrag im vorliegenden Ansatz. Es erinnert an ältere dialektische Modelle aus der Philosophie, wird jedoch verständlicher, wenn man es vor dem Hintergrund der systemischen Therapie- und Beratungsmodelle sieht, die von komplexen Wirklichkeitsmodellen sowie von Beziehungsmustern anstelle von Kausalitäten oder von Ursache-Wirkungsverhältnissen ausgehen.

Das Buch liefert zuletzt noch einen diskussionswürdigen, für Medienpolitik und Medienpädagogik stimulierenden Ausblick auf die posttypographische Kultur, welche "die Bedeutung des Individuums als Subjekt und Objekt von Lehr- und Lernprozessen zugunsten von Organisationen, Gruppen und Teams" auflöst. Es schlägt damit einen anspruchsvollen Bogen von historischen Kulturvergleichen über methodische Revisionen der Kommunikationswissenschaft zu den neuen Konzepten von Wissen, Bildung und Kommunikation.

Literatur:

Michael Giesecke: Die Entdeckung der kommunikativen Welt. Studien zur vergleichenden Mediengeschichte, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007 (STW 1788)