Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien

Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum [GWM] wurde auf Initiative von Otto Neurath 1924
gegründet. In seinen eigenen Worten sollte es eine neuartige "Zentralstelle für gesellschafts-
und wirtschaftswissenschaftliche Unterweisung durch vorwiegend optische Mittel, Graphica und
Modelle" werden.

Das GWM entwickelte ein "Bilder-Esperanto" (Neurath 1933) für ein Lehrmuseum ohne Ort, mit
Wanderausstellungen und Dauerausstellungen zur Weltwirtschaft, etwa in der Volkshalle des
Wiener Rathauses sowie in Gemeindebauten wie dem Reismann-Hof (12. Bezirk), einer Informa-
tionsvitrine im Zentrum Wiens (Tuchlauben 2) und dem damaligen Siedlungsamt (Parkring 12).

Dem Trägerverein des GWM gehörten an: Gemeinde Wien, Freie Gewerkschaften, Arbeiter-
kammer, Konsumgenossenschaften, Sozialversicherungen, Arbeiterbank (alle: Österreich).

Die Büroräume des GWM befanden sich
* 1926-1927 am Borromäusplatz 3, Wien 3. Bezirk
* 1927-1934 in der Ullmannstrasse 44, Wien 15. Bezirk
[Quelle: Volker Thurm, Wien und der Wiener Kreis, WUV 2003, S.161 und S.81]




Die neuen "Graphica" werden vom Team des GWM vor Ort produziert.



Die graphische Leitung hatte ab 1927 Gerd Arntz inne.



Neurath verlangte gut ausgebildetes Personal und eine technische Einstellung.



Ausstellung zum Gesundheitswesen in der Volkshalle des Wiener Rathauses



Frühe Ausstellung zur Fürsorgetätigkeit der Gemeinde Wien (ca. 1925)



Das GWM begann "Kopien von Museen in Standardserien zu produzieren"
("Museums of the Future" - Neurath 1933, Survey Graphic Vol.22, New York)


"Hier wird die Wohungsnot und ihre Bekämpfung gezeigt werden,
der Kampf gegen Tuberkulose, Alkoholismus, Geschlechtskrankheiten,
Fürsorgeeinrichtungen aller Art werden als etwas Zusammenhängendes
dem Auge sich darbieten." (Neurath 1925)

"Und hierin besteht seine zweifache Aufgabe: gesellschaftliche Vorgänge
zu zeigen und alle Tatbestände des Lebens in eine erkennbare Beziehung
zu gesellschaftlichen Vorgängen zu bringen." (Neurath 1933)

"Ein gutes ISOTYPE-Bild sagt auf den ersten Blick das Wichtigste aus, auf den
zweiten das Nächstwichtige, und auf den dritten gibt es Einzelheiten zu erkennen,
und wenn es auf den vierten Blick noch etwaas zu zeigen hat, dann ist es kein
gutes ISOTYPE-Bild." (Neurath 1935)



1927 begann eine Kooperation mit Paul Otlet (Belgien), von dem Neurath die
Bezeichnung "Mundaneum" übernahm. Die Kooperation für einen "Internationalen
Zivilisationsatlas" im Auftrag einer Genfer Erziehungsvereinigung konnte nicht
realisiert werden.
1934 bis 1940 arbeitete Neurath gemeinsam mit Gerd Arntz in Den Haag, wo das GWM
in "Mundaneum Institut Den Haag" und die "Wiener Methode" in "ISOTYPE" umbenannt
wurden. 1940 flüchtete Neurath vor den Nazis über den Ärmelkanal Richtung England.
1942 gründete er mit seiner Mitarbeiterin Marie Reidemeister, die er inzwischen
geheiratet hatte, das "ISOTYPE Institute" in Oxford. Marie Neurath setzte die Arbeit
des Oxforder Institutes nach Neuraths Tod 1945 bis in die 1970er Jahre fort.

Wien hat ein problematisches Erbe: es gibt kaum eine Erinnerung an Neurath und
das GWM,kein Archiv, und schon gar kein Museum. Es ist einfach niemand zuständig.
Die Wissenschaftsbeamten halten es für altes Zeug, den "Sozialdemokraten" war er
wohl zu sozialistisch, und den pragmatisierten "Philosophen" nicht philosophisch genug.

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